Torii Spiritualität

Portale, die sich niemals schließen

An vielen Stellen in Japan stehen seltsame Holzkonstruktionen herum. Warum uns das fasziniert und was es damit auf sich hat.

Beitragsbild für den Beitrag Portale, die sich niemals schließen

Es kann auf den ersten Blick schon ein wenig amüsieren: Da steht, mitten im Gelände, eine rot angestrichene Holzkonstruktion, die mit einiger unbedarfter Fantasie als Portal oder Tor erscheinen kann. Doch weder lassen sich irgendwo Flügel oder Gitter erkennen, mit denen sich das Portal verschließen ließe. Noch findet sich ein Zaun oder eine Mauer, in die das Tor eine Öffnung schlägt. Das Torii, so nennt sich das Bauwerk aus Querbalken auf zwei Säulen, steht, so der oberflächliche Eindruck, auf verlassenem Posten.

Das Torii zum Itsukushima Schrein auf der Insel Miyajima

Das Torii zum Itsukushima Schrein auf der Insel Miyajima

Schlicht, aber mystisch

Wir Bewohner Europas kennen vor allem wehrhafte Stadttore oder monumentale Kirchenportale. Ich selbst habe sowohl die heiligen Pforten des Vatikan in Rom durchschritten als auch die Porta Nigra in Trier. Auch Triumphtore am Ende von Prachtstraßen, etwa das Brandenburger Tor, oder Denkmäler wie das Arc de Triomphe in Paris, zählen zu unserem postkartenträchtigen Kulturerbe. Sie alle eint die Absicht, die ganze Glorie ihrer Erbauer oder ihres Zwecks zu verkörpern — und ewig zu bestehen. Das verraten schon die Steine als Baumaterial. Das japanische Torii dagegen, ganz aus Holz gefertigt, übt sich in Schlichtheit und strahlt doch mystische Würde aus.

Was ich erst durch Recherche lerne: Jedes Torii markiert tatsächlich den Zugang zu einem heiligen Bereich, nämlich zu einem Shinto-Schrein. Dieser Religion gehören je nach Quelle zwischen 50 und 80 Prozent der japanischen Bevölkerung an. Der Shinto lehrt die Anwesenheit von Gottheiten, so genannten ›Kami‹. mitten unter den Menschen. Ihren Wohnsitz nehmen die Kami in Schreinen, also von Menschen errichteten und geschmückten Bauwerken. Sie lassen sich ganz entfernt sicherlich mit den kleinen Kapellen am Wegesrand vergleichen, die wir hierzulande vor allem in religiösen Gegenden antreffen, beispielsweise in Bayern, Rheinland-Pfalz oder Thüringen.

Du betrittst heiligen Boden

Viele Torii fallen durch einen roten Anstrich auf. Der macht sie nicht nur zu einem sehr attraktiven Fotomotiv. Die Farbe Rot übernimmt auch eine Aufgabe: Sie soll Dämonen abzuwehren helfen, denn genauso wie für Krankheit und Besessenheit steht die Farbe auch für den Schutz vor bösen Geistern, Gefahren und Pech. Möglicherweise soll der Anstrich das nicht ewig haltbare Holz des Torii außerdem vor Verwitterung bewahren — womit die Farbe Rot abermals ihre schützenden Wirkung beweist.

Auf eine andere Weise beeindruckend zeigen sich übrigens Wege, die von vielen kleinen Torii eingefasst sind. Sie führen zu Schreinen der Kami Inari, der Gottheit der Fruchtbarkeit, so beispielsweise zum Fushimi-Inari-Schrein in Kyoto, zum Taikodari-Inari-Schrein in der Präfektur Yamaguchi oder zum Motonosumi-Inari-Schrein, ebenfalls in der Präfektur Yamaguchi. Zwar ragen die kleinen Torii nicht so weit heraus wie ihre großen Verwandten. Aber beim Durchschreiten so vieler kleiner Torii hintereinander dürfte dennoch ebenfalls ein Gefühl der Andacht entstehen: Du betrittst heiligen Boden.

Für die Gottheiten vorgesorgt

Mit dem hölzernen Tor mitten im Nirgendwo meine ich selbstverständlich das Torii auf der Insel Miyajima, das wohl prominenteste Exemplar. Mich fasziniert der Gedanke, dass an dieser Stelle die profane Welt endet und ein spirituell aufgeladener Raum beginnt. Möglicherweise wispert dahinter die Natur mit viel mehr Ehrfurcht. Möglicherweise fallen kleinkarierte Sorgen von dem Menschen einfach ab, der ein solches Torii durchschreitet. Vielleicht passiert aber auch gar nichts.

Und trotzdem mag ich die Vorstellung, dass die Übergänge zwischen zwei Sphären mit solchen sehr schön anzuschauenden Symbolen markiert sind. Die Torii werden nie verschlossen und sie bilden wundervolle Wahrzeichen. Umso schöner zu wissen, dass es — um immer wieder Torii zu ersetzen oder neue errichten zu können — in Japan sogar Holzschutzgebiete gibt.

Jojo

Seine Blogging-Erfahrung und sein Geographie-Studium machen ihn zum idealen Schreibtisch-Entdecker ferner Länder. Für die Texte auf japanfuchs.de scheinen seine Fingerkuppen beinahe schon mit der Tastatur zu verwachsen.

Neu auf japanfuchs.de

  • Götterfiguren Spiritualität

    Segen aus dem Stein

    Beitragsbild für den Beitrag Segen aus dem Stein

    Japan steckt voll von überraschenden Details. Wer sich auch abseits der klassischen Sehenswürdigkeiten neugierg umsieht, entdeckt sie und erfährt ihre Geschichten — beispielsweise über Jizō-Statuen.mehr

  • Japanreise Reise

    Und wir fliegen doch!

    Beitragsbild für den Beitrag Und wir fliegen doch!

    Auch die öffentliche Verwirrung um die geltenden Einreisebestimmungen in Japan können unseren lang gehegten Traum nicht ersticken. Ein Nerven-Krimi in drei Akten (mindestens ...).mehr

  • Popkultur Kultur

    Von Antiheldinnen und Superkräften

    Beitragsbild für den Beitrag Von Antiheldinnen und Superkräften

    Animes sind auch in Europa längst in der kulturellen Mitte angekommen. Was ich mit der Kunstform verbinde.mehr

  • Vending Machines Alltag

    Im siebten Automaten-Himmel

    Beitragsbild für den Beitrag Im siebten Automaten-Himmel

    Sie erleichtern das Leben, stellen im Katatstrophenfall eine Grundversorgung sicher und prägen Japans Straßenbild: Keine andere Nation der Welt wird so stark mit Vending Machines in Verbindung gebracht wie das Land der aufgehenden Sonne.mehr

  • Übernachtung Reise

    Kein Zimmer wie das andere

    Beitragsbild für den Beitrag Kein Zimmer wie das andere

    Eine in Bleibe in Japan zu finden, dürfte nicht schwer fallen. Aber welche Möglichkeiten abseits des klassischen Hotels bieten sich noch?mehr

  • Einreisebeschränkungen Reise

    Eiertanz an der Grenze

    Beitragsbild für den Beitrag Eiertanz an der Grenze

    Japan fürchtet derzeit kaum etwas so sehr wie die Öffnung seiner Grenzen — und sehnt sie gleichzeitig drängend herbei. Angesichts dieses Zwiespalts überdenken wir unsere aktuellen Reisepläne.mehr

  • Dani

    Sie schwingt für japanfuchs.de regelmäßig ihren Stift und zaubert Illustrationen, vom Charakter bis zur Szene. Daneben gibt sie praktische Tipps und teilt ihre langjährige Leidenschaft für Japan via Blogbeitrag.

  • Jojo

    Seine Blogging-Erfahrung und sein Geographie-Studium machen ihn zum idealen Schreibtisch-Entdecker ferner Länder. Für die Texte auf japanfuchs.de scheinen seine Fingerkuppen beinahe schon mit der Tastatur zu verwachsen.