Willkommen in der heißen Zeit
Von Juni bis September ist offiziell Sommer in Japan. In (Zentral-) Tokyo und (West-) Kyoto und Osaka Japan steigen die Temperaturen von 25 auf bis zu 35 Grad Celsius. Der Sommer bleibt, bis er von der Taifunzeit (September bis Oktober) abgelöst wird. In den Sommermonaten ist es nicht nur heiß. Vor allem auf großen Ballungsgebieten liegt dann wegen der hohem Luftfeuchtigkeit noch eine zusätzliche Schwere. Solange tropische Wetterverhältnisse Dich nicht oder nur kaum beeindrucken, wirst Du Dich im Sommer in Japan sehr wohl fühlen. Ohne das Klima allerdings schon einmal ausprobiert zu haben, wärst Du gut beraten, Dir für Deine erste Reise eine andere Jahreszeit auszusuchen. Das Sommerwetter in Japan kann Dich nämlich wirklich schaffen. Auf meiner ersten Reise bin ich zusammen mit meinen Begleitern quasi genau in den Sommer hineingestolpert. Unter anderem wollten wir Hügel besteigen, um darauf beispielsweise Ruinen zu besichtigen — bei 35 Grad im Schatten und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit schon eine echte Herausforderung.
Gegen die Hitze
Japaner lieben dem Komfort. Sie selbst empfinden den Sommer ebenfalls als Belastung. »Sore wa atsui desu!«, rufen sie einander zu, was so viel bedeutet wie: »Es ist ganz schön heiß!«. Deshalb stammen einige findige Gadgets, mit denen sich die Hitze erträglicher gestalten lässt, auch aus Japan: beispielsweise Sprays für die Kleidung, Nacken-Ventilatoren, wassergekühlte Westen, Schweißpflaster für die Achseln oder Nudeln aus dem Eisturm. In Parks findet sich manchmal Wandelgänge, deren leichter Sprühnebel beim Durchschreiten für Abkühlung sorgt. Größere Mode-Labels haben längst kühlende und teilweise sogar vor UV-Strahlung schützende Kleidungsstücke aus speziellen Texturen entwickelt. Die kleinen Ventilatoren in den Regional- oder S-Bahnen wirken zwar recht dekorativ, aber sie haben keine echte Wirkung. Deshalb machst Du überhaupt nichts falsch, wenn Du gerade im Sommer ein ›Hankachi‹ (Taschentusch) bei Dir trägst. Je nach Beschaffenheit kannst Du damit sehr gut Deine Schweißperlen abtupfen und wahrscheinlich findest Du sogar eins, auf das ein Motiv Deines Lieblingsmangas gedruckt ist.
Doch Japan belohnt, das ist die schöne Kehrseite der anstrengenden Hitze, auch mit einem ganz eigenen Summer Feeling. Die Monate Juni bis August markieren in Japan die Zeit der Festival-Snacks, die Zeit von Yukata und klackernden Getas, von Kakigori-Eis und Zikaden, von Furin und Kayari-Buta, dem Insekten vertreibenden Schweinchen. Welche Bedeutung haben diese Dinge, die schon beinahe symbolhaft für den japanischen Sommer stehen?
- Der Yukata ist DAS Kleidungsstück auf sommerlichen Festivals. Er besteht aus Baumwolle und seine Muster sind oft etwas bunter oder moderner als die der Kimonos. Da der Yukata ursprünglich wirklich ein Kleidungsstück zum Baden war (gebadet wird in Japan nackt, auch in Gruppenbädern), wirst Du dieses Kleidungsstück auch oft in Hotels, Onsen oder Sentos finden oder erhalten. Yukatas für ein Sommerfestival oder zum Besuch eines Tempels oder Schreins kannst du stunden- oder tageweise ausleihen, oder neue oder gebrauchte Exemplare kaufen. Yukatas werden nicht einem bestimmten Anlass zugeschrieben — etwa einer Hochzeit oder einer Teezeremonie, wie das bei den Kimonos der Fall ist — sondern ganz allgemein dem Sommer. Deswegen heißen sie auch ›Sommer-Kimono‹. Sie sind wesentlich leichter anzuziehen, da sie meist aus nur aus einem Umhang, nämlich dem Yukata selbst — einen Bademantel nicht unähnlich — und einem einfachen ›Obi‹ (Gürtel) bestehen. Männer tragen den Obi um die Hüfte und Frauen um die Taille. Sogar wir Europäer kommen damit ganz gut zurecht. Aber Vorsicht bei Wicklung des Kragens: Die linke Seite muss zuoberst liegen. Anders herum werden nur Tote aufgebahrt.
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Kakigori ist ein typisch japanisches Speiseeis. In einer — oft handbetriebenen — Maschine werden aus einem Eisblock kleine Eisspäne geschnitzt, die Du dann zusammen mit Sirup, Kondensmilch oder Obst serviert bekommst. Dafür gibt es in Japan sogar eigene Feste.
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Kayari Buta ist ein kleines Keramikschwein. Dort hinein kannst Du Räucherspiralen legen und abbrennen, die vor Moskitos und Insekten generell schützen.
- Zikaden sind außerordentliche Tiere und das ist auch nicht zu überhören. Allein in Japan leben 350 verschiedene Arten. Die Singzikade kann bis zu 120 Dezibel erreichen. Bemerkenswert ist auch ihre Lebensweise: Einige Zikaden haben pro Jahr bis zu zwölf Generationen Nachwuchs. Andere Unterarten, wie die Singzikade Magicicada, pflanzen sich nur alle dreizehn bis siebzehn Jahre fort, dafür aber in riesigen Massen. Viele Unterarten sterben zum Ende des Spätsommers. Sie stehen als Symbol auch für die Vergänglichkeit des Sommers. Bei Schulkindern gilt es als Lieblingsbeschäftigung, Zikaden — aber auch andere Insekten, wie etwa den Nashornkäfer (›Kabutomushi‹) — zu sammeln. Ohne das laute Zirpen der Zikaden wäre der Sommer in Japan nicht richtig japanisch.
- Furin: Diese Windspiele kamen über den chinesischen Buddhismus nach Japan. Zuerst zierten sie die Ecken von Tempelgebäuden, zum Schutz vor Unheil. Achte doch einmal darauf, ob Du beim nächsten Tempelbesuch eines entdecken kannst. Später konnte die Oberschicht solche Windspiele erwerben. Sie bestanden dann meist aus teurem Porzellan oder aus Bronze. Erst ab der Öffnung Japans in der Edo-Zeit (1603 bis 1868) kam das günstigere Glas als Werkstoff ins Spiel. Jetzt konnte auch die breite Bevölkerung sich ein Furin leisten, das seinem Klang nicht nur vor bösen Geistern schützt, sondern auch jede noch so kleine Brise der Erfrischung ankündigt. In vielen Animes, die im Sommer spielen, sorgt das helle, weiche Klingeln eines Furin für richtig viel Atmosphäre.
So tanzt der Sommer in Japan
Überregional und international erregt der Sommer in Japan Aufsehen mit seinen mit vielen Straßenfesten, ›Matsuri‹ genannt. Vor allen im heißesten Monat August finden die meisten Matsuris statt. Sie haben ihren Ursprung im Jahreszyklus der Reisbauern und im schintoistischen und buddhistischen Jahresverlauf. Jede Region und jeder größere Schrein oder Tempel feiern ein eigenes, spezifisches Matsuris, mit individuellen Ritualen und Mythen. Gemeinsam haben die meisten aber den Umzug mit der göttlichen Sänfte — Mikoshi — im Mittelpunkt, ähnlich den christlichen Fronleichnams-Prozessionen.
Nicht jedes Matsuri muss einen religiösen Hintergrund haben. Zum Awa Odori Festival (12. bis 15. August) beispielsweise heißt es, es sei aus der Sake-Freigiebigkeit eines Burgherren hervorgegangen, dessen Festung fertig gestellt wurde. Zur Einweihung soll er allen Menschen, unabhängig von Stand und Klasse, jede Menge Reiswein spendiert haben. Heute gilt es als reines Tanzfestival. Berühmte Matsuris finden den ganzen Sommer über in Tokyo (Juni), Kyoto (Juli), Aomori (August) und Chiba (September) statt.
Deinen Sommertag in Japan abschließen kannst Du mit einem der spektakulären Feuerwerks-Festivals. Sie gehen auf die Familie Kyoho und das Jahr 1732 zurück. Damals wurden Feuerwerke erstmals in einem Festival der Toten gezündet, um das Leben zu feiern und der Toten zu gedenken. Die ›Hanabi Taiki‹, wie die Feuerwerksfeste heißen, finden meist an Buchten, Seen oder großen Flüssen statt. Die Wahrscheinlichkeit, eines zu erwischen, liegt im August besonders hoch. 終