Mein wechselhaftes Verhältnis zum grünen Tee

Ich gebe es zu: Das zwischen dem grünen Tee und mir lässt sich wohl am besten mit dem Wort ›Hassliebe‹ beschreiben. Oder, in modern: als On-Off-Beziehung. Ich bin absolut überzeugt von den vielen gesundheitlichen Vorteilen: vom hohen Anteil an Vitamin C, das mein Immunsystem stärkt und unterstützt; von den Antioxidanzien, die meine Alterung verlangsamen oder von seiner starken antibakteriellen Wirkung. Ich sympathisiere auch mit allen Facetten, die den Grüntee-Kult so erlebnisreich machen: die beinahe religiös anmutende Teezeremonie mit ihrem hohen Stellenwert, die zahllosen kulinarischen Kreationen rund um den hoch grünen Matcha — besonders angetan hat es mir selbstverständlich der Matcha Cheesecake aus meiner japanischen Lieblingsbäckerei — und ich kann mich beinahe niemals sattsehen an den Millionen stilvoller Fotos von Grüntee-Arrangements, die so im weltweiten Web kursieren (zum Beispiel hier). Zum täglichen Teetrinker macht mich das allerdings noch nicht.
Der erste und der zweite Versuch
In der ersten Zeit meines Studiums kam ich nur beinahe auf den Geschmack: Der Supermarkt auf der anderen Straßenseite führte regelmäßig ein Grüntee-Getränk, das die Lebensmitteltechniker des Geschmackes wegen mit Zitronensaft und dem Saft der Kaktusfeige versetzt hatten. Das trank sich so süffig wie eine leckere Limonade ohne Kohlensäure. Leider tat der hohe Zuckergehalt ebenfalls sein Werk und brachte den Zeiger der Personenwaage in Bewegung — allerdings nicht abwärts. Sobald ich das erkannte, setzte ich das Tee-Mischgetränk wieder ab.
Ebenfalls eine Studienangelegenheit, nämlich eine Forschungsreise, führte mich später auf einen ganz anderen Kontinent: In Kenia konnte ich die Teeplantagen im Hochland von Kericho und den Herstellungsprozess von ›Kericho Gold‹ besichtigen. Ich lernte, dass Grüner Tee und Schwarzer Tee von derselben Pflanze stammen, nämlich von der Camellia sinensis, und dass ›Blend‹ kein Gütesiegel meint, sondern das Gegenteil: Wenn das auf Deinem Teebeutel steht, hast Du nur den übrig gebliebenen Staub vom Verpackungstisch abbekommen ... Außerdem erwarb ich zwei edel gestaltete Packungen ›Kericho Gold‹ und auch während der gesamten Kenia-Exkursion gab es morgens Schwarztee mit Milch statt Kaffee. Meine Teetrink-Gewohnheit konnte das aber nicht nachhaltig beeinflussen.
Dem Sommer sei Dank!
Vor allem die kalte Jahreszeit steht ja in dem Ruf, Teeliebhaber zu bestärken und neue hervorzubringen; ergibt sich wohlige Wärme bei aller Beheizbarkeit doch erst so richtig unter der anschmiegsamen Decke und mit einer Tasse dampfenden Tees in der Hand. Doch auch diese Übung, zuletzt um den jüngsten Jahreswechsel herum gestartet, hielt ich nicht lange durch. Weder mit schwarzem noch mit grünem Tee. Ich kann nicht einmal richtig auf den Punkt bringen, was genau mir den Zugang zum grünen Heißgetränk verwehrt. Am Leitungswasser kann es nicht liegen, denn auch in Spitzenrestaurants überzeugen mich weder die Tasse noch das Kännchen Grüntee.

Weshalb grünen Tee nicht einfach mal kalt brühen und eiskalt genießen?
Weil die Temperaturen absehbar steigen würden, habe ich vor wenigen Wochen erstmals grünen Tee kalt aufgesetzt. Während der Cold Brew Trend anderswo mittlerweile immer kreativere Blüten treibt, lockt er daheim mit dem Charme, recht aufwandsarm umsetzbar zu sein. Siehe da: Das Gebräu überraschte mich gleich beim ersten Schluck mit deutlich weniger Bitterkeit und frisch-fruchtigen Aromen, die ich in der heißen Variante nie bemerkt hatte. Ein kleiner Spritzer Zitrone, ein Löffelchen Ingwer-Sirup: Fertig ist das In-Getränk des Sommers, das mir nicht nur sehr gut schmeckt, sondern mir auch Abwechslung zu den täglich mehreren Litern Wasser verschafft. Scheint, als hätte der grüne Tee mich doch noch in seinen Bann gezogen. Am besten kühlschrankkalt servieren! 終